Dienstag, 08.01.2019

Frauen im Kiez. Ihr Engagement und Selbstverständnis früher und heute

Am Sonntag, dem 26. August 2018, fand das zweite Erzählcafé „Wir in Marienfelde“ im Dorothee-Sölle-Haus, in der Waldsassener Straße 9 statt. Vier Frauen aus dem Kiez waren von Moderatorin Sigrid Tempel als Zeitzeuginnen eingeladen worden. Sie teilten ihre persönlichen Geschichten mit den anderen rund 30 Gästen des Erzählcafés und gewährten darüber Einblicke in ihre individuellen Perspektiven auf die Rolle der Frauen im Kiez, ihr Engagement und Selbstverständnis früher und heute. In den Erzählungen und der anschließenden Diskussion wurden im Laufe des Nachmittags verschiedene Aspekte des Themas beleuchtet. Wichtige Bezugspunkte waren unter anderem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Entwicklungen, die von der 1968’er-Bewegung angestoßen wurden und bis heute nachwirken.

Als erste Zeitzeugin erzählte H. vom Aufbau des Frauencafés der evangelischen Gemeinde. Als sie im Januar 1967 nach Marienfelde zog, existierte bereits eine Gruppe, in der Frauen ein betont konservatives Verständnis ihrer Rolle in der Ehe vermittelt wurde. Darüber hinaus wurde in der Gemeinde eine Eltern-Kind-Gruppe ins Leben gerufen, die Frau H. mit ihrer Tochter besuchte. Dort ging es nicht nur um die Beziehungen zwischen Müttern und Kindern, ebenso tauschten sich die Frauen über Themen wie Partnerschaft, Wohnungsnot oder die Situation alleinerziehender Mütter aus. Der Fokus der Gruppe änderte sich allmählich. Dies stand auch in Bezug zu den Entwicklungen rund um die 1968’er-Bewegung, im Zuge derer traditionelle Rollenbilder aufgebrochen wurden, erzählt Frau H. Aus der Eltern-Kind-Gruppe wurde schließlich das Frauencafé. Frauen aus Marienfelde schufen dort einen wichtigen Raum, um sich über Frauenthemen auszutauschen und zu verständigen.

Die zweite Zeitzeugin Frau M. erzählte ebenfalls von der Frauengruppe. Sie zog mit ihrem kleinen Sohn im Winter 1971/72 in die neugebaute Waldsassener Straße. Beruflich kam sie aus der freien Wirtschaft und arbeitete in Marienfelde im Büro des Gemeindehauses. Dass sie ebenfalls regelmäßig das Frauencafé besuchte, gefiel ihrem Mann nicht besonders. Ein Bekannter ihres Mannes erzählte damals, seine Frau würde von seinen Hemden nur noch die Vorderseite bügeln. Herr M. antwortete, dieser könne sich glücklich schätzen, seine Frau würde die Hemden lediglich zum Trocknen aufhängen.

Für manche Frauen war es bereits eine Tat, überhaupt zu einer Frauengruppe zu gehen. So etwas gab es anderswo nicht, erzählt Frau M. Über die dortigen Gespräche erkämpften sie sich Freiräume. Hervorzuheben sei das besondere Miteinander in der Gemeinde. Die Frauengruppe konnte ihre Wirkung entfalten, da die Pfarrer nicht versuchten zu intervenieren.

Frau Mc., seit 45 Jahren in Marienfelde, arbeitete in verschiedenen sozialen Kontexten und engagiert sich ehrenamtlich im Kiez. Ausgebildet als Technische Zeichnerin, ein Beruf, der im Zuge der Digitalisierung inzwischen ausgestorben ist, ging sie dieser Profession nach der Adoption ihres Sohnes nicht mehr nach. Ähnlich wie Frau H. berichtet sie von Problemen, ohne Berufstätigkeit einen Kitaplatz für ihr Kind zu bekommen.

Von 1992 bis 2018 arbeitete sie 26 Jahre im Café des Gemeindezentrums, daneben engagiert sie sich für Straßenjugendliche. Frau Mc. betont ebenfalls die großen Veränderungen, die durch die 68’er-Bewegung ausgelöst wurden. Die wichtige Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf stelle sich nach wie vor. So zum Beispiel hinsichtlich der Mitarbeit der Mütter in der Kita. Die Männer, die Vollzeit arbeiten, könnten sich nicht so einbringen wie Mütter, die nur halbtags arbeiten. Trotz der 2008 eingeführten Elternzeit sehen sich nach wie vor eher die Frauen mit den Schwierigkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf konfrontiert. Dabei profitieren sie mittlerweile von den Impulsen, die durch die 68’er-Bewegung ausgelöst wurden. Frau Mc. schätzt die Frauen heute als politisch interessierter ein. Das Gemeindecafé in Marienfelde ist ein wichtiger Ort des Austauschs und auch der Förderung von Toleranz. Dort kommen viele Frauen aus ganz unterschiedlichen Ländern wie Israel, dem Iran oder Ägypten zusammen. Wichtig sei, dass sich alle wohlfühlen und ihr Zusammensein moderiert wird, ist Frau Mc. überzeugt.

Frau K., die seit 1971 im Kiez wohnt, fügte dem bisher Gehörten noch eine weitere Perspektive hinzu. Sie berichtete, dass ihr nach dem Tod ihres Mannes als alleinerziehende Mutter von drei Kindern, neben der Erziehung und ihrer Arbeit, gar keine Zeit blieb, um Angebote aus dem Kiez zu nutzen. Sie musste sich immer alleine durchschlagen. In ihrem Bekanntenkreis arbeiteten die meisten anderen jungen Frauen ebenfalls. Neben der Arbeit blieb ihr am Montag lediglich ein halber Tag, den sie für Haushalt und Wäsche benötigte. Später pflegte sie dann ihre Eltern. Im Vergleich zu früher hat sich für sie einiges verändert: Als Rentnerin hat sie heute endlich die Möglichkeit, um sich zu informieren und Angebote des Nachbarschafts- und Selbsthilfezentrums Altes Waschhaus oder der Kirchengemeinde wahrzunehmen.

Im Anschluss an die Berichte der vier Zeitzeuginnen wurde die Runde für Beiträge aus dem Kreis der Gäste geöffnet. Es wurde deutlich, dass sich im Zuge der Frauenrechtsbewegung und hinsichtlich Gleichberechtigung einige Dinge zum Besseren gewandelt haben. Nichtsdestotrotz befänden sich viele Frauen in schwierigen Lagen, auch in Marienfelde. Wichtig ist, dass die Menschen aufeinander zugehen. Oft wird den Nachbarschaften in Hochhäusern Anonymität unterstellt. In Marienfelde gibt es jedoch Gegenbeispiele von Hausgemeinschaften, die im regen Austausch stehen und füreinander da sind.

Darüber hinaus, resümierte Moderatorin Sigrid Tempel, gibt es in Marienfelde eine Kontinuität einer Kultur des Miteinanders. Bereits kurz nach dem Neubau der Waldsassener Straße wurden Strukturen angeregt und über die Jahre weiterentwickelt. Im Kiez hat sich eine Kultur des Zusammenlebens entwickelt, die Menschen anspricht und zum Mitdenken und zur Beteiligung animiert. Das Erzählcafé knüpft daran an und es wäre schön, wenn diese Veranstaltungsreihe 2019 fortgesetzt werden kann.

Das Erzählcafé ist ein Kooperationsprojekt des Nachbarschafts- u. Selbsthilfezentrums Marienfelde Süd e.V. und dem Dorothee-Sölle-Haus der Evangelischen Kirchengemeinde Marienfelde. Es findet abwechselnd im „Alten Waschhaus“ und dem Dorothee-Sölle-Haus, insgesamt vier Mal statt. Das Projekt wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen.

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